Interview mit Roman Friedrich, Streetworker in Köln

Roman Friedrich arbeitet als Streetworker in Köln-Chorweiler. Der gebürtige Russe fokussiert sich bei seiner Arbeit auf russischstämmige Jugendliche, denen ein Abrutschen in die rechtsradikale oder extremistische Szene droht. Bei dem Interview war Journalist Frederik von Lonski mit von der Partie und gab den Teilnehmern der Jugendreporter-AG nicht nur wertvolle Tipps zur Interviewführung, sondern stellte ihnen auch professionelle Kamera- und Aufnahmetechniken zur Verfügung.

 

 

Offenes Haus NRW: Was macht diesen Job so besonders?

 

Roman Friedrich: Für mich macht es besonders genau die Dankbarkeit und Anerkennung der Menschen, denen ich mal geholfen habe. Es kam ab und zu immer zu schönen Überraschungen, wenn Menschen, bei denen ich schon vergessen hatte unter welchen Umständen ich ihnen mal geholfen habe, mich auf der Straße treffen. „Kennst du mich noch? Du hast mir damals voll geholfen.“ Das baut unheimlich auf.

 

 

Offenes Haus NRW: Kommt man bei diesem Job an seine persönlichen Grenzen?

 

Roman Friedrich: Ja, manchmal.

 

 

Offenes Haus NRW: Haben Sie selbst privaten Kontakt zu Extremisten?

 

Roman Friedrich: Nicht, dass ich wüsste.

 

 

Offenes Haus NRW: Wie würde es Ihrer Meinung nach enden, wenn nichts gegen Extremisten unternommen wird?

 

Roman Friedrich: Ich sehe das schwarz. Wenn ein Feuer nicht gelöscht wird, dann verbrennt das ganze Haus. Und wir haben schon in der Weltgeschichte solche Beispiele, wo die nicht unterbundene Bewegung von Extremisten oder Radikalisten zum Machtwechsel, zum Machtergreifen geführt und sich letztendlich zu einer Weltkatastrophe entwickelt hat.

 

 

Offenes Haus NRW: Haben Sie Kontakt zu Drogennehmenden?

 

Roman Friedrich: Ja natürlich, das gehört zu meinem Arbeitsalltag.

 

 

Offenes Haus NRW: Können Sie verstehen, warum sie Drogen nehmen oder würden Sie das abwerten?

 

Roman Friedrich: Verstehen kann ich es schon, abwerten würde ich niemals im Leben, denn es sind unterschiedliche Lebensgeschichten, da sind unterschiedliche Entwicklungen und es gibt sehr viele persönliche Tragödien dahinter. Genau deswegen kann ich das persönlich nicht abwerten, weil ich alle Zusammenhänge und alle Vorgeschichten auch in der Regel weiß.

 

 

Offenes Haus NRW: Sie haben erwähnt, dass Ihnen aufgefallen ist, dass Jugendliche ‚fromm‘ werden. Was dachten Sie sich dabei?

 

Roman Friedrich: Ich fand das erst mal äußerst seltsam. Diese Verwandlung, diese absolute Veränderung der Person ist etwas Untypisches, denn normalerweise brauchen die Sozialarbeiter und Streetworker vor Ort mehrere Jahre, damit eine Person aus der kriminellen Szene oder der Drogenszene endlich mal die Kurve kriegt, ins normale Leben einsteigt. Aber hier war es eine rasante Entwicklung, eine rasante Veränderung der Person und das hab ich sehr, sehr fragwürdig empfunden.

 

 

Offenes Haus NRW: Sie sind ja auch aus Russland. Mich würde interessieren was Sie dazu bewegt hat, nach Deutschland zu kommen.

 

Roman Friedrich: Ich war einfach neugierig. Meine Eltern wollten nach Deutschland umsiedeln, und da ich auch russlanddeutscher Abstammung bin – ich hab ja auch einen deutschen Namen – dachte ich mir „Okay, da sind meine Wurzeln, dann fahre ich für ein Jahr hin, schaue mich um, und dann fahre ich wieder zurück“. Ich hatte in Russland einen guten Job und da waren meine Freunde, aber dann bin ich einfach in Deutschland geblieben, weil es mir hier gefallen hat.

 

 

Offenes Haus NRW: Und dann wollten wir gerne noch wissen,  wie Ihre erste Zeit in Deutschland war und was Sie über das fremde Land gedacht haben.

 

Roman Friedrich: Die ersten Schwierigkeiten waren natürlich damit verbunden, dass es eine absolut andere Kultur war, eine andere Sprache, die ich auch nicht kannte, es waren die Gesetze anders. Alles war plötzlich anders und ich habe auch die Ablehnung gespürt durch die Gesellschaft oder einige Vertreter der Gesellschaft und das hat mich natürlich eine Zeit lang bedrückt, aber ich wollte unbedingt was erreichen, weil ich dachte, hier ist ein Land vieler Möglichkeiten, hier kann man tatsächlich was erreichen. In Russland war es zu der Zeit nicht so einfach, legal das Leben auf die Reihe zu bekommen. Das war Mitte der 90er, da war der Zusammenbruch der Sowjetunion, und es sind gerade viele Katastrophen in der Gesellschaft passiert.

 

 

Offenes Haus NRW: Sie helfen ja sehr vielen Jugendlichen bei der rechtsextremen Krise. Haben Sie da schon sehr vielen herausgeholfen?

 

Roman Friedrich: Ja, aber die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist: Man kann Menschen nicht helfen, wenn sie das nicht wollen. Man kann versuchen, dagegen zu wirken, indem man einfach die Aufklärungsarbeit macht. Um ihnen daraus zu helfen, gibt es eine extra Beratungsstelle, die Aussteiger-Beratungsstelle. Und die helfen dann tatsächlich auch zum Beispiel, wenn eine Person richtig tief in der nationalistischen Szene drin steckt, aber da raus möchte; die helfen dann viel besser. Ich als Streetworker bin eher niederschwellig unterwegs, also ich zeige die Wege, baue die Brücken, halte die Türen offen, aber durchgehen müssen die Menschen selbst. Ich packe die einfach bei der Hand, versuche sie durchzuführen. Aber dieses Aussteigerprogramm, das ist schon ein Stück weiter, das kann ich mit meiner Arbeit nicht leisten.

 

 

Offenes Haus  NRW: Gab es denn trotzdem manche Menschen, mit denen sie gearbeitet haben, denen Sie nicht helfen konnten?

 

Roman Friedrich: Es gibt chronische Rassisten, wenn man so sagen darf (lacht). Es gibt die Leute, die einfach diese Einstellung ihr ganzes Leben lang mit sich tragen – aber auch da weiß man nicht genau. Ich habe auch Veränderungen bei Personen festgestellt, bei denen ich dachte, der kann niemals aussteigen, z.B. aus der Drogenszene oder religiös extremen Gruppen, aber manche haben dann doch die Kurve gekriegt und sind ein ganz anderer Mensch geworden. Manchmal spielen private Beziehungen eine große Rolle, berufliche Orientierung, irgendeine persönliche Krise, Verlust eines Verwandten, Liebesgeschichten, Geburt eines Kindes und so weiter. Es sind unterschiedliche Faktoren, die manchmal einfach eine drastische Rolle spielen und der Mensch verändert sich auf einmal.

 

 

Offenes Haus NRW: Was ist der größte Teil an Menschen, denen Sie geholfen haben? Eher Ausländer oder auch rechtsextreme Deutsche?

 

Roman Friedrich: Rechtsextreme Russen (lacht). Es gibt tatsächlich so ein Phänomen, wir haben unter Rechtsextremisten nicht unbedingt nur die einheimischen Deutschen, wir haben erstaunlicherweise auch sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund; es gibt auch NPD-Mitglieder mit Migrationshintergrund, obwohl die Ideologie dieser Partei sehr  menschenverachtend und menschenfeindlich ist, insbesondere gegenüber Ausländern. Dieses Phänomen kommt daher, dass die Personen, die sozial benachteiligt sind – und obwohl sie auch selbst ausländische Wurzeln haben – glauben, dass die anderen Migranten, die jetzt nachkommen, denen was wegnehmen würden. Das sind alteingesessene Ängste.

 

 

Offenes Haus NRW: Haben Sie viel zu tun oder werden die Leute, die rechtsextrem sind, immer weniger?

 

Roman Friedrich: Es werden immer mehr; es waren auch immer sehr viele, sie waren nur nicht so im öffentlichen Raum wahrzunehmen. Jetzt, unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit und mit den heutigen modernen Möglichkeiten des Internets ist es viel intensiver geworden. Durch den öffentlichen Raum, die Gesellschaft und die öffentlichen Debatten wird das Thema Ausländerfeindlichkeit fast salonfähig gemacht. Man lädt Leute zu Talkshows ein, die dort richtig über Migranten herziehen und drastische Maßnahmen anbieten – erschießen zum Beispiel. In meinen Augen ist es also sehr viel drastischer geworden, viel intensiver.

 

 

Offenes Haus NRW: Wie sind Sie darauf gekommen, Streetworker zu werden?

 

Roman Friedrich: Das ist schon mein ganzes Leben so gewesen, dass ich immer mit Jugendlichen arbeiten wollte. Ich hab noch in Russland ehrenamtlich mit Jugendlichen in einer Boxgruppe gearbeitet. Und ich habe festgestellt, dass inoffizielle Kontakte auf der Straße viel, viel weiter helfen können als formal, in einem Arbeitszimmer, hinter einem Schreibtisch zu versuchen, Probleme zu lösen. Als ich meine Erzieher-Ausbildung gemacht habe, schon während der Ausbildung, habe ich Angebote bekommen, als Streetworker für meine Landsleute zu arbeiten. Vor Ort, mit einer Zielgruppe, die durch keine anderen Institutionen oder Gebote erreicht werden konnte. Dann habe ich mir gedacht, ich probiere das einfach mal. Seitdem bin ich einfach da geblieben, als Streetworker.

 

 

 

 

 

Das Interview fand am 11.12.2017 in der Realschule Heiligenhaus statt und wurde von

Hendrik Weber, Jenny Wenzel, Violetta Jazenko, Paul Grimm und Julian Gentemann durchgeführt.