Ein Interview mit Dr. Evelyn Bokler, ehrenamtliche Flüchtlingshelferin der Caritas und Firas Al Senaweh, Geflüchteter aus Syrien

Die Jugendreporter setzen sich im nachfolgenden Interview mit den gemeinsamen Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe und den  Erlebnissen des Tandemsprachkurses zwischen Firas Al Senaweh und Frau Dr. Evelyn Bokler auseinander.

Offeneshaus (OH) NRW: Frau Dr. Bokler, was hat Sie zur ehrenamtlichen Arbeit im Rahmen der Flüchtlingshilfe getrieben?

 

Dr. Evelyn Bokler: Es begann mit der Flüchtlingswelle im Herbst 2015, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass Deutschland und die Institutionen überfordert sind, gerade was die Anzahl der Menschen betrifft die hierherkommen. Auch in Ratingen konnte man in der Presse verfolgen, dass viele Flüchtlinge ankamen. Es gab keine Wohnungen für sie und mir war klar, dass es eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft ist und nicht nur für die staatlichen Einrichtungen, oder die, die sich hauptamtlich damit befassen. Es ist auch eine Aufgabe für jeden von uns. Deshalb habe ich überlegt, was ich machen kann, ehrenamtlich neben dem Beruf, neben der Familie.

 

 

OH NRW: Firas, wie wurden Sie in Deutschland aufgenommen? Wie hat Ihnen die Flüchtlingshilfe gefallen?

 

Firas Al Senaweh: Als ich in Deutschland ankam, habe ich die ersten drei Monate in Herford verbracht. Dort war es sehr schön. Ich habe viele Menschen getroffen und kennengelernt. Wir sind ins Schwimmbad und den Zoo gegangen und haben Schach gespielt.In Bielefeld war die Wohnsituation jedoch sehr schwierig. Ich habe mit vielen Leuten zusammen gewohnt. Das erste Mal in meinem Leben bin ich eingeschlafen und mit sechs anderen Personen aufgewacht. Einer hat gesungen, die anderen haben geraucht und Karten gespielt. Das fand ich sehr schwer. Es gab Menschen mit viel Bildung und Menschen ohne Bildung. Mit allen zusammen zu Duschen war auch nicht leicht. Mal war es sauber, mal nicht.

 

Aber nach drei Monaten bin ich nach Ratingen gekommen. Hier war es ebenfalls sehr schwer, weil ich wieder in einem großen Zimmer mit vielen Leuten zusammen gewohnt habe. Mein Wunsch ist es hier zu warten und in Deutschland schön leben zu können.

 

 

OH NRW: Sie sprechen ja schon ziemlich gut Deutsch, inwiefern hat Frau Dr. Bokler Sie dabei unterstützt?

 

Firas Al Senaweh: Vor einem Jahr dachte ich, dass die deutsche Sprache sehr, sehr schwer sei. Ich habe mich auch sehr gestresst. Die Leute mit denen ich zusammen gewohnt habe waren Araber, Kurden oder aus anderen Ländern, aber keine Deutschen. Als Frau Bokler kam war es sehr schön für mich, weil ich Schritt für Schritt besser Deutsch lernen konnte und ich ihr auch Arabisch beibringe. Ja, ich denke die deutsche Sprache ist sehr schwer, aber nach und nach lernt man gut. Auch wenn ich sehr langsam bin…

 

OH NRW: Firas, wie haben Sie selber die Sprache gelernt?

Firas Al Senaweh: Gute Frage. Ich habe alleine im Internet gelernt. Es gab eine Lehrerin im Internet. Ich habe das Video von ihr immer wieder abgespielt, gestoppt und mitgeschrieben und am nächsten Tag dann meine Arbeit fortgesetzt. Ich bin ohne Deutsch zu sprechen hierhergekommen, aber jeden Tag habe ich gelernt und gesprochen. Zuerst habe ich die ersten Zehn Lektionen gelernt. In einem Raum saßen bis zu 20 andere Leute, denen ich die Deutsch-Lektionen beibringen durfte.

 

Dr. Evelyn Bokler: Das ist eine wirklich interessante Idee gewesen. Firas hat die anderen Flüchtlinge mithilfe dieser Internetseite alphabetisiert. Er konnte zwar selbst kein Deutsch, aber hat sich die Lektionen im Internet angeguckt und dann 20-30 Flüchtlinge alphabetisiert. Das war der erste Schritt das Alphabet kennenzulernen.

 

Firas Al Senaweh: Die Schule fragte mich einmal: „Firas wie viele Jahre bist du hier?“, denn viele Flüchtlinge sprechen noch immer kein Deutsch. Aber ich bin Schritt für Schritt vorgegangen.

 

 

OH NRW: Uns würde noch interessieren, was Sie beruflich in Syrien gemacht haben, und ob der Einstieg hier in Deutschland möglich gewesen ist?

 

Firas Al Senaweh: Ah, mein Beruf in Syrien? Ich habe viel gelernt in Syrien. Ich habe mein Ökonomie-Studium in Damaskus beendet und mich auf Controlling spezialisiert. Ich habe auch 2 Jahre den Master gemacht. Als Lehrer in einer Schule habe ich 3 Monate Mathematik gelehrt und habe viel Arbeit als kleiner Bauunternehmer verrichtet.

 

 

OH NRW: Kann man in Deutschland diesem Beruf nachgehen?

 

Firas Al Senaweh: Ich hoffe hier die deutsche Sprache schnell zu lernen und hoffe, dass ich hier schnell Arbeit finde in einer Firma. Ich weiß nicht genau wie, aber ich hoffe es klappt irgendwann.

 

 

OH NRW: Frau Dr. Bokler, wie lange hat es gedauert die arabische Sprache zu lernen?

 

Dr. Evelyn Bokler: (lacht) Ich bin noch mittendrin. Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Wir haben uns im August letzten Jahres kennengelernt. Dann fing es an mit der Tandem- Partnerschaft. In erster Linie ging darum, dass er im Buch lernt und das Gelernte anwendet. Ich war zwar schon immer an Sprache interessiert, aber die arabische Sprache zu lernen war eine plötzliche Aktion. Da ich jetzt wissenschaftlich über die Region arbeite, möchte ich die Sprache können. Denn die Sprache ist ein Zugang für diesen Kulturraum. Arabisch ist sehr schwer, aber es ist eine sehr schöne Sprache. Ich möchte jeden ermutigen, Arabisch zu lernen. Es ist nicht unerlernbar.

 

 

OH NRW: Was ist schwieriger die Schrift oder die Aussprache?

 

Dr. Evelyn Bokler: Die Schrift ist schon schwer, weil sie anders ist. Aber sie ist nicht so schwer wie die chinesische Schrift bzw. die Schrift des asiatischen Raums. Die Araber haben eine sehr ähnliche Denkweise wie die Deutschen. Das heißt, sie haben gemeinsame Redewendungen und auch die Satzstruktur ist ähnlich.

 

 

OH NRW: Sind Sie der Meinung, dass es mehr Hilfen geben müsste oder gibt es genug?

 

Dr. Evelyn Bokler: Ich kann hier nur für Ratingen sprechen und ich denke hier wurde ehrenamtlich sehr viel gemacht. Ich fand es auch sehr beeindruckend, was im Rahmen der Flüchtlingswelle hier an Ehrenamt umgesetzt wurde. Es wurden sehr viele Freundschaften und Kontakte innerhalb der deutschen Helferkreise geschaffen. Ich glaube wir sind da auf einem guten Weg. Man wünscht sich mehr Unterstützung vom BAMF, also vom Bundesamt der Migration und Flüchtlinge. Aber das ist in erster Linie eine institutionelle Herausforderung. Da Sie eben wegen der Arbeit fragten: Firas ist seit August 2015 in Deutschland und wartet nach wie vor auf seine Aufenthaltsgenehmigung. Bis dahin darf er nicht arbeiten. Das heißt, er ist gezwungen nichts zu machen und das fördert nicht die Integration. Insgesamt denke ich, dass wir auf gesellschaftlicher Seite auf einem guten Weg sind. Es muss institutionell mehr kommen.

 

 

OH NRW: Zum Abschluss hätten wir noch zwei Fragen an Firas und Frau Dr. Bokler. Zum einen: Firas, wie fühlst du dich hier?

 

Firas Al Senaweh: Ich fühle mich gut. Mir gefällt es sehr gut. Aber ich warte auf eine Antwort vom BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), damit ich eine Wohnung und eine neue Arbeit suchen und finden kann. Eventuell kann ich mein Studium fortsetzen. Ich denke, dass das Leben hier sehr schön ist.

 

 

OH NRW: Vermisst du deine Heimat?

 

Firas Al Senaweh: Ja, natürlich! Ich vermisse meine Heimat jeden Tag. Ich rede jeden Tag über WhatsApp mit meiner Familie und einmal in der Woche über Video-Chat. Meine Familie ist sehr groß, aber da es meiner Familie jetzt in Syrien gut geht, ist es auch für mich gut.

 

 

OH NRW: Unsere letzte Frage geht an Frau Dr. Bokler. Worüber haben Sie ihre Doktorarbeit geschrieben?

 

Dr. Evelyn Bokler: (lacht) Ich habe mich in meiner Doktorarbeit mit der Frage beschäftigt, ob der Nationalsozialismus und der Kommunismus möglicherweise politische Religionen waren und die eben diesen Fanatismus ausgelöst haben. Mich hat interessiert‚ warum sind die Deutschen auf Hitler reingefallen? Jetzt interessieren mich die Grundlagen des Islamischen Staates. Ich möchte ihn in Syrien und in Irak analysieren. Wer glaubt daran? Warum glauben die Menschen daran? Warum gibt es so viele, die aus Europa dort hingehen um zu kämpfen? Und warum töten sie so viel dort? Was denken diese Menschen?

Dafür brauche ich die arabische Sprache und dabei hilft mir Firas, der mir ebenso Syrien erklärt. Ich kenne dieses Land nicht und es ist für mich eine Möglichkeit das Land besser kennen zu lernen. Denn ich könnte jetzt nicht den Islamischen Staat ‚bereisen‘, das würde ich mir nicht zutrauen. Das haben andere gemacht (lacht). Aber Firas kann mir viele Zusammenhänge erklären wie es früher war und wie es jetzt ist in Syrien. Sprache ist immer ein Zugang in die Gesellschaft.

 

 

Das Interview fand am 28. April 2017 im Jugendclub Heiligenhaus statt und wurde von Birgül, Hilal und Zehra geführt.