Offenes Haus NRW: Was ist denn die heftigste Frage, die Sie gestellt bekommen haben?

 

Maik Scheffler: Die heftigste Frage? Die war sehr wichtig für mich, für meinen Prozess. Das war die Frage: „Was ist das schlimmste was du je als Nazi gemacht hast?“.

 

Offenes Haus NRW: Das hätten wir uns nicht getraut.

 

Maik Scheffler: Doch, das kann man sich trauen! Und zwar habe ich immer gesagt: ich bin ja kein Schläger gewesen oder nicht vorbestraft. Ich habe noch nie ein Asylbewerberheim angezündet oder einen Ausländer verprügelt. Ich habe mich damals immer damit gerechtfertigt. In meiner aktiven Zeit noch: „Leute, ich gehöre einer legalen, legitimen Partei an und wir leben in einem Land, das Meinungsfreiheit ganz hoch hält. Ich darf auch diese Meinung haben. Dann müssen wir die Partei verbieten. Noch ist sie erlaubt, also was wollt ihr von mir?“ So einfach war das für mich. Nach dem Ausstieg habe ich das auch gesagt. Als ich dann mitbekommen habe wieviel Hass mir von links und von den anderen Parteien entgegenkam, habe ich mich dann gefühlt wie ein Massenmörder. Also so wurde ich dann behandelt. Da habe ich dann gesagt: „Ja, meine Meinung war scheiße. Da war viel Hass und Hetze drin, aber habe doch keine Straftat begangen.“.

 

Ich hatte viele Gespräche mit einem ehemaligen linken Streetworker. Der sagte: „Gut, halten wir mal fest: du hast noch nie ein Asylbewerberheim abgerannt? Glaube ich dir. Du hast auch noch nie jemandem eine Eisenstange über den Schädel gehauen. Aber wir haben die Statistik die sagt, dass du die zweitmeisten Reden in Sachsen gehalten hast. Weißt du eigentlich, wer von deinen Veranstaltungen, durch deine Worte so aufgeputscht war und ein Asylbewerberheim abgebrannt hat? Den Leuten die Eisenstange über den Schädel gehauen hat? Das weißt du doch gar nicht. Willst du dich jetzt aus der Verantwortung rausstehlen?“. Das war etwas ganz wichtiges für mich.

 

Es stimmt, ich habe vor so vielen Gruppen gesprochen und manche auch als Redner geschult. Da waren manchmal ganz schlimme Gruppierungen dabei. Ich weiß zum Beispiel, dass ich auch vor Gruppen gesprochen habe, von denen später dann bestimmte Straftaten durch die Nachrichten gegangen sind. Diese Schuld, die trage ich jetzt auch einfach. Selbst wenn ich sage: Ich bin jetzt mit meinem Ausstieg fertig. Und bin in der Gesellschaft integriert.

Ich habe Schuld, da ich nie weiß, was ich zu verantworten habe. Wenn man sagen kann: Ich wurde verurteilt und habe meine Strafe abgesessen. Dann kann man sagen die Strafe ist damit vergolten. Ich kann das nicht wissen. Es kann durch mich persönlich nichts passiert sein. Es kann aber auch viel passiert sein. Das ist eine Verantwortung, die nehme ich auch an und behalte ich auch. Die werde ich niemals ablegen. Afd-Leute und auch gerade die, die so aus dem bürgerlichem Spektrum kommen und Wutbürger sind, die wissen gar nicht, was sie da so anrichten mit ihrer ganzen Hetze, mit diesen ganzen negativen Erzählungen. Da gibt es viele junge, die dabei sitzen und dann denken: „Ja, wenn der das sagt hat er vielleicht Recht.“ Und dann haben die vielleicht einen getrunken und werden dann so fundamental. Ist ja nichts anderes, wie auch bei anderen Extremismusformen. Die sind dann auch irgendwann so radikal im Denken und denken, die machen was Gutes. Die machen das nicht, weil sie menschenverachtend sind, sondern weil sie die Notwendigkeit einfach sehen und das ist das Schlimme.

 

 

Offenes Haus NRW: Vor ein paar Monaten stand in der Zeitung, dass es in Spanien ein paar Extremisten gibt, die sozusagen für Attentate bezahlt haben, um mehr Hass zu verbreiten. Die haben das finanziert.

 

Maik Scheffler: Die Sachen extra konstruieren?

 

Offenes Haus NRW: Genau.

 

Maik Scheffler: Das gibt es. Ich weiß auch aus vielen Berichten, dass es das natürlich gerade im terroristischen Bereich gibt. Also dass Sachen auch geschehen müssen, damit die anderen sich bestätigt fühlen. Aber das machen links und rechts auch. Das gibt es gerade beim Linksextremismus. Wir machen uns auch gegen Linksextremismus stark, was viel zu wenige machen. Die haben auch Asylbewerberheime beschmiert mit Hakenkreuzen. Die haben sich damals auch Bomberjacken angezogen und Springerstiefel und sind „Sieg Heil“ gröhlend durch die Stadt gelaufen. Damit sie eben dort dieses Bild aufrechterhalten konnten, wo es keinen Rechtsextremismus gab.

 

Andersherum haben natürlich auch Nazis diverse Aktionen gemacht, die sie Ausländern zugesprochen haben. Gerade in so ruhigen Zeiten, wenn gerade gar nichts passiert, dann muss man auch so eine Gefährdung künstlich am Leben erhalten. Und der Staat macht es übrigens auch. Die helfen auch manchmal, aber das sieht man ja an diesen Verfassungschutzagenten, gerade im NSU-Fall, die ja selbst an vielen Sachen mitbeteiligt waren oder mitorganisiert haben. Ich verstehe das auch nicht. Deswegen meine ich, dass es außer im religiösen Bereich, kein Fundament für eine Ideologie oder einer Weltanschauung gibt. Es ist am Ende immer alles konstruiert.

 

Auch wir haben das. Ich meine, dass was ich so gesagt habe, habe ich ja vorher gelernt. Das ist mir ja nicht einfach so eingefallen. Ich habe das nicht aus Büchern. Ich habe das von den Menschen, die Vorträge bei mir gehalten haben. Ich habe das von Rednerschulungen. Ich habe das von Kader-, Funktionärsschulungen aus der NPD. Da gab es immer eine Woche Schulung. Da wurde einem dann eingebläut, was man zu sagen hatte. Du hast ja gerade gefragt, mit welchen Themen wir uns auseinandersetzen. Zu jedem Thema gab es festgelegte Argumentationsbroschüren. Da haben die Funktionäre festgelegt: Was sagen wir zu dem Thema? Wie sagen wir das?

Alles ist eigentlich wie in einem Drehbuch gewesen, das man vorgesetzt bekommen hat. Aber es ist so geschickt gemacht, dass man immer dachte, man sei selbst der Meinung, man habe es selbst erfunden. Das ist Wahnsinn. Man glaubt gar nicht, wie viel Psychologie dahintersteckt. Wenn Menschen andere manipulieren, trifft das jeden. Da kann man intelligent sein oder dumm sein, das ist völlig egal. Da ist keiner vor gewappnet. Das zu sagen ist mir immer sehr wichtig. Denn viele Eltern, deren Kinder Extremisten geworden sind, sind zu mir gekommen und haben gesagt: „Das hätte ich nie gedacht. Der hat sein Abi gemacht. Der hat doch alles gehabt. Und der ist auch kein dummer Mensch. Warum?“. Ich sage, weil sie immer nur den Skinhead gesehen haben. Die anderen sehen immer nur den Terroristen mit Bombengürtel. Oder den Linksextremisten mit Haarkamm. Die sind aber nicht die Leute mit einem ganz seriösen Aussehen, mit einem intelligenten Background und für Manipulation genauso affin sind.

 

 

Offenes Haus NRW: Ist das eigentlich immer so vorgegeben, was man zu einem Thema sagen soll oder ist das nicht immer so?

 

Maik Scheffler: Also es ist eigentlich relativ klar vorgegeben. Heute noch mehr als damals. Die NPD orientiert sich jetzt an der AfD. Bei der AfD gibt es nichts, was nicht vorgegeben ist. Die Leute, die eigene Sachen machen, werden aussortiert. Wenn man einmal in so einer Position ist, dass man Sprachrohr für eine Partei oder eine extremistische Organisation ist, dann ist man gleichgeschaltet. Dann ist man auf Linie. Dann kann eigentlich auch nichts mehr schief gehen für die Gruppierung, dass man das auf einmal was völlig anderes sagt. Die meiste Aufmerksamkeit, die meiste Zeit, das meiste Geld wird in die Schulung der Funktionäre gesetzt und nur die geben vor was draußen gesagt wird oder was geschrieben wird. Das ist also ähnlich wie bei den normalen, demokratischen Parteien, die das ja auch machen.

 

 

Offenes Haus NRW: Sie haben gesagt, dass die NPD ganz isoliert von der Gesellschaft agiert und sich auch isoliert von der Gesellschaft befindet. Da wollten wir fragen, ob die Integration in die Gesellschaft reibungslos verlaufen ist oder ob Schwierigkeiten aufgetreten sind, vor allem wenn man über die Vergangenheit gesprochen hat?

 

Maik Scheffler: Das ist sehr schwierig. Ich glaube, „Exit“ hat in Deutschland knapp 500 Menschen beim Ausstieg geholfen. In Sachsen waren es 90. Deutschlandweit sind nicht mehr als dreizehn Menschen Aussteiger in der Öffentlichkeit. Das zeigt eigentlich wie schwierig es ist Menschen raus zu holen, von dieser Ideologie wieder weg zu holen und wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Hätte ich „Exit“ nicht gehabt, wo wirklich sehr gute sozialpädagogische und auch psychologische Arbeit mit vielen Gespräche, die man führt, geleistet wird, wäre es vielleicht möglich gewesen, dass ich irgendwann zurückgefallen wäre. Es gibt viele, die sind zurückgefallen. Es gibt für alle Aussteiger eine Willkommenskultur. Nicht nur in Deutschland. Überall. Wenn ein Hell’s Angels Zuhälter oder Mörder irgendwo aussteigt, dann gibt es ein Buch davon, eine Doku und der Mensch kann wieder arbeiten. Es gibt auch einen Banditochef, der hat einen Jugendclub für gewaltaffine Jugendliche geleitet. Die hatten vor dem Respekt. Der ist ausgestiegen und war der beste Mann den man dafür kriegen konnte.

 

Mit Rechtsextremisten wird das niemals passieren. Es hat bei mir lange Zeit gedauert, dass ich in der Jugendarbeit tätig sein konnte. Man sieht in der Drogenprävention Menschen, die Verbrechen begangen haben, um sich ihre Drogen zu kaufen. Die werden alle wieder integriert und wieder aufgenommen. Weil sie etwas durchlitten haben, sie auf die schiefe Bahn geraten sind. Aber nicht bei Rechtsextremisten, da ist alles anders. Es gibt also keine Willkommenskultur für Rechtsextremisten. Und das finde ich gefährlich, weil ich weiß, dass viel mehr diese Szenen verlassen würden, wenn sie draußen aufgefangen werden würden. Denn das sage ich klar: „Wir sind keine Opfer.“ Wir als Funktionäre wollen uns diesen Status gar nicht andichten. Aber jeder der kein Funktionär sondern Mitläufer gewesen ist und wahrscheinlich auch eine Straftat begangen hat ist schon Opfer von Radikalisierung. Und viele die eben aus dem islamistischen Bereich kommen sind ja auch Opfer derer die sie dazu gemacht haben.

 

Menschen sind ja irgendwie alle am Anfang gleich, der eine ist ein bisschen stärker, der andere eine bisschen schwächer. Das Umfeld ist wichtig, die momentane Situation beim Einstieg ist wichtig. Auch wichtig ist wie emotional stark oder wie emotional geschwächt jemand ist. Dann kommen eben Menschen, die machen das aus einem und das muss bekämpft werden. Nicht die Menschen an sich. Ich sage immer, ich mache mehr für die Gesellschaft und mehr gegen rechts als viele, die immer aufschreien und gegen Rechte hetzen, aber eigentlich nichts unternehmen, keine Arbeit leisten. Deswegen denke ich, jeder sollte als Mensch gesehen werden und jedem sollte auch die Chance gegeben werden.

Ich mal da mal einen Spruch von Christian Lindner gehört, den er aber in Bezug auf Hartz-4-Empfänger und nicht Aussteiger gesagt hat, den ich toll fand. Der lautete ungefähr so: „Keine Biografie darf zur Einbahnstraße oder zur Sackgasse werden, wenn man sich nicht mit eiserner Kraft von ganz alleine daraus befreien kann.“ Deswegen sollte man niemanden ewig die Vergangenheit vorhalten, wenn er auf der anderen Seite doch Gutes macht. Das fehlt. Ich bin sicher, es wäre ein schwerer Schlag gegen Rechtsextremisten, wenn es auch Jugendarbeit geben würde, es dafür viel mehr Prävention geben würde und die Leute aufgefangen werden. Die würden in Scharen rauskommen, da bin ich der Überzeugung..

 

 

Offenes Haus NRW: Bereuen Sie ihre Vergangenheit bei der NPD?

 

Maik Scheffler: Das kann man nicht so einfach beantworten, weil wir ja von zwanzig Jahren reden. Ich bereue nicht meine komplette Zeit, die ich gelebt habe bzw. verlebt habe.

Ich habe ja durchaus viele Freundschaften gehabt und bin ja auch der festen Überzeugung, dort sind nicht alle schlechte Menschen gewesen. Es gibt aber auch viele, die sind von Grund auf schlecht, das muss man dazu sagen, die würden auch niemals aussteigen.

 

Meine Mutter hat immer gesagt, sie war als ich ein Kind, ein Jugendlicher war immer so wahnsinnig stolz auf mich. Ich war aus dem Leistungssport, habe sehr gute Noten gehabt, hatte mein Abitur und alles. Dann kam eine Zeit, da war sie sehr lange nicht mehr stolz auf mich. Sie hat mich zwar immer geliebt und hat immer zu mir gestanden, jeden Mist mitgetragen, aber sie war nicht stolz auf mich. Zwei Jahre nach meinem Ausstieg, nach diesem FAZ-Artikel, der von meinem Ausstieg berichtet hat, kam eine Whatsapp-Nachricht und da hat sie mir einfach nur geschrieben: „Kannst du dich noch an das erinnern, was ich einmal gesagt habe? Ich bin wieder stolz auf dich.“

Das habe ich bereut, dass ich eigentlich intelligent genug gewesen sein müsste nicht auf so einen Mist reinzufallen. Dass ich aus meinem Leben hätte viel mehr machen könnte, dass ich also alles hätte werden können. Das habe ich mir verbaut. Das ist ein Kampf, den ich immer noch führe oder führen musste.

 

Ich bin jetzt wieder auf einem guten Level auf dem ich mich wieder wohlfühle und mich auch wieder wertvoll fühle. Das war aber anfangs, gerade in den ersten zwei Jahren, nicht so. Also das bereue ich stark, dass ich mir selbst etwas verbaut habe und wahrscheinlich vielen anderen, die ich mit reingezogen habe. Das ist auch was mich antreibt, dass ich von Sachsen aus zwei Stunden nach Heiligenhaus komme. Auf der anderen Seite sagt man auch, dass man vielleicht auch gar nicht hätte ändern können. Was wäre denn gewesen, wenn ich damals auf diesen Jugendclub gehört hätte in dem Linke waren? Dann wäre ich auf jeden Fall Linksextremist geworden. Aber was ich da gemacht hätte, wie lange ich da drin gewesen wäre, weiß ich auch nicht. Ob das mein Leben so bereichert hätte? Ich persönlich habe in einer extremistischen Wendezeit gelebt. Das entschuldigt gar nichts, aber es ist trotzdem ein Fakt.